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Jüdisches Leben in Sögel

Diese Seiten erzählen vom Leben und Schicksal der 68 jüdischen Bürger Sögels, die aufgrund ihrer jüdischen Identität grausam ihr Leben verloren.


Gedanken zum Gedenken

Michael Grünberg

In Sögel einen Ort des Erinnerns und des Lernens zu errichten, ist begrüßenswert. Junge Menschen brauchen einen Anstoß zu lernen, welcher Entrechtung die jüdische Bevölkerung in der Zeit des Nationalsozialismus ausgesetzt war: Jüdinnen und Juden wurden ausgegrenzt, sie wurden diffamiert, ihnen wurde die berufliche Existenzgrundlage genommen. Sie wurden gedemütigt, bestohlen und entrechtet.

Sie wurden zur Zwangsarbeit im Moor gezwungen. Sie wurden vor den Augen der Bevölkerung in Ghettos und Konzentrationslager deportiert. Und am Ende wurden fast alle ermordet. Nur ganz wenige kehrten zurück. Allerdings sollte an diesem Lernort auch untersucht und gelehrt werden, wie sich NS-Täter und NS-Mitläufer verhielten. Es sollte studiert werden, was etwa aus Geschäften jüdischer Bürger wurde, was mit dem Eigentum der Juden gemacht wurde.

„Wachsam sein, wenn Menschen das Menschsein abgesprochen wird. Man darf nicht zusehen und schweigen – und muss seine Chance nutzen! Es ist für euch, es ist nicht für mich. Es ist für euch.“

Margot Friedländer, Holocaust-Überlebende

Einführung

von Heiner Schüpp

Dem Judentum, der Religion, seiner Geschichte und Kultur, kann man sich als Deutscher nicht unschuldig nähern. Immer steht man im Schatten von Auschwitz, diesem Synonym für die durchorganisierte Mordfabrik der Nationalsozialisten, in der planmäßig das europäische Judentum vernichtet wurde. Ohne Auschwitz würde die Geschichte des Judentums in Deutschland wahrscheinlich ohne besondere Hervorhebung in die allgemeine Geschichte eingeordnet werden.

Es würde die Geschichte einer Religionsgemeinschaft dargestellt, deren Mitglieder – ich verkürze hier bewusst – in Mittelalter und Neuzeit verschiedensten, vor allem religiös begründeten Verfolgungen ausgesetzt waren und die im Laufe der Zeit ihren Platz in der Gesellschaft als Kauf- und Finanzfachleute, Ärzte, Wissenschaftler und Künstler gefunden hätten.

Als Fiebelmann nach Sögel kam – Der erste Jude in Sögel

Aus dem Buch von Holger Lemmermann „Sögel im Spiegel seiner Häuser“ – herausgegeben von der Gemeinde Sögel im Jahr 1983 – stammt der folgende Text: „Als Fiebelmann nach Sögel kam…“. Dieser Beitrag stellt den Beginn einer  umfangreichen Materialsammlung gegen das Vergessen dar.

Eine Chronik zu schreiben, ohne auf die Geschichte seiner jüdischen Mitbürger einzugehen, ist schlechterdings unmöglich; war die Synagogengemeinde Sögel doch bis zum Untergang die zweitgrößte des damaligen Regierungsbezirks Osnabrück.

Der erste Jude in Sögel war Jacob Joseph Fiebelmann aus Haselünne, der am 10.03.1767 einen Geleitbrief nach Sögel bekam. Mit der Erlangung eines vom Landesherrn ausgestellten Geleitbriefes, der erst eine Niederlassung an einem bestimmten Ort gestattete, waren für die Juden bestimmte Auflagen verbunden, deren Nichtbefolgung Geldstrafen, im schlimmsten Falle den Entzug des Geleits – und damit die Ausweisung – zur Folge haben konnte. Die wichtigsten Bestimmungen besagten:

  1. Die Juden dürfen keine Immobilien (Ländereien, Häuser) ohne landesherrliche Erlaubnis besitzen.

  2. Es ist ihnen untersagt, christliche Dienstboten zu halten oder mit Christen im selben Haus zu wohnen.

  3. Neben „Handel und Wandel“ ist ihnen lediglich der Metzgerberuf und der damit verbundene Fleischverkauf im Haus sowie der Geldverleih zu vorgeschriebenen Zinssätzen gestattet.

Als Gegenleistung genossen die Juden den Schutz durch den Fürstbischof, vertreten durch die Beamten des Amtes Meppen. In Strafsachen unterstanden sie unmittelbar der fürstlichen Hofkammer in Münster, mit Ausnahme von bestimmten, geringfügigen – insbesondere religiösen – Streitigkeiten, über die das Landesrabbinat Warendorf entschied.

Im Allgemeinen kamen die münsterschen Beamten durchaus ihrer Verpflichtung nach, die auf ihrem Territorium lebenden Juden gegen jedermann zu schützen. Die konnte auch Jacob Joseph Fiebelmann feststellen, als er nach Sögel kam. Es gelang ihm zwar bei Hermann Schoe (Hs. 82) zwei Zimmer zu mieten, doch als er einziehen wollte, versuchte sein Hauswirt, ohne Angabe von Gründen seiner Zusage zu entziehen. Es bedurfte eines Machtwortes von Rentmeister Lipper, um Fiebelmann zu seinem Recht zu verhelfen.

In welch großer existenzbedrohender Unsicherheit die jüdische Minderheit in jenes Zeit leben mußte, zeigt die Geschichte der drei Söhne von Jacob Joseph Fiebelmann, Aron, Joseph und Salomon.

Aron als der älteste der Brüder, hatte das Geleit seines verstorbenen Vaters geerbt. Aus irgendwelchen Gründen, die uns nicht bekannt sind, verkaufte er dieses Geleit an seine Schwester Adel, deren aus Hessen stammende Ehemann, Meyer Levi, somit ein Anrecht erhielt, sich in Sögel niederzulassen.

Zur Synagoge in Sögel

von Heiner Schüpp – Vortrag gehalten am 9. November 2008 in Sögel aus Anlass von 70 Jahre „Reichskristall­nacht“

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

„Am Anfang war Napoleon“, so könnte ich mein Thema mit Thomas Nipperdeys Deutscher Geschichte des 19. Jahrhunderts einleiten. Denn mit der Einführung des französischen bür­gerlichen Gesetzbuches, dem Code Civil, zum 1. Februar 1809 im Amt Meppen, dass im Zuge der Auflösung des Fürstbistums Münster seit 1803 von den Herzögen von Arenberg re­giert wurde, änderten sich auch die Rechte der Juden im Herzogtum.

Hatte bis dahin die münstersche Judenordnung gegolten, die erstmals von Fürstbischof Christoph Bernhard von Galen am 29. April 1662 erlassen worden war und im Laufe der Zeit verschiedene Fort­schreibungen erfuhr, die es den Juden unter anderem verbot, Synagogen zu bauen, so kannte der Code Civil keine Unterschiede mehr in der Behandlung der Angehörigen ver­schiedener Religionsgemeinschaften.

Am Pohlkamp 8, 49751 Sögel: Hier stand von 1839 bis 1938 die Synagoge der jüdischen Gemeinde von Sögel. Ein Mahnmal erinnert heute an ihre mutwillige Zerstörung während der Reichspogromnacht.

Die weitere Geschichte der Sögeler Juden wird in aller Kürze durch folgende Daten skizziert:

  • 1826

    5 Familien (= 26 Personen)

  • 1828

    Annahme fester Familiennamen: Joseph Jacobs Fiebelmann und Geschwister nennen sich in Zukunft „Jacobs“, Jacob Aron Fiebelmann nennt sich „Hochheimer“, Jacob Meyer und Geschwister behalten ihren Namen, Kaufmann Weinberg behält seinen Namen, Koppel Moses und Geschwister nehmen den Namen „Frank“ an, Levi Lazarus nimmt den Namen „Haas“ an.

  • 1839

    Bau einer Synagoge am Pohlkamp

  • 1842

    7 Familien ( = 49 Personen)

  • 1844

    Bildung einer Synagogengemeinschaft Sögel/Lathen

  • 1848

    Bürgerliche Gleichstellung der Juden im Königreich Hannover

  • 1875

    63 jüdische Einwohner

  • 1881

    Stimmberechtigte Mitglieder der Synagogen- und Schulgemeinde aus Sögel: Kaufmann Weinberg, Isaak Jacobs, Jacob Meyer, Jacob Jacobs, Aron Jacobs, Aron Hochheimer, Gumfert Frank, Meier L. Meier, Joseph Grünberg

  • 1914-
    1918

    Es fielen im Krieg (Gedenkstein auf dem jüdischen Friedhof): Hartwig Meyer, Sammy Jacobs, Louis Grünberg, Karl Weinberg

  • 1929

    Die Synagogengemeinde Sögel/Lathen/Werlte zählt 32 Familien mit 160 Seelen; davon leben in  Sögel 17 Familien (= 80 Personen)

  • 1941-
    1942

    Deportation der jüdischen Bevölkerung Sögels in verschiedene Konzentrationslager. Fast alle kommen ums Leben.

  • 1981

    Errichtung einer Gedenktafel  zu Ehren der ermordeten jüdischen Mitbürger.